„Klimaschutz im Verkehrssektor muss jetzt beginnen“; unser Beitrag im Tagesspiegel Background vom 23.03.2023

Der Verkehr muss seine Treibhausgasemissionen schnell und spürbar mindern. Das unterstreicht die kürzlich veröffentlichte UBA-Prognose über die Treibhausgasemissionen 2022. Klimapolitik darf also nicht nur auf mittel- und langfristige CO2-Minderungsziele ausgerichtet werden. Gesetzesvorhaben müssen vor allem schnell Resultate liefern. Damit ist Klimapolitik auch ein Wettrennen gegen die Zeit. Handlungsoptionen, die den Klimaschutzbeitrag des Verkehrs schnell erhöhen, gibt es. Zusätzliche Rohstoffpotenziale könnten ebenfalls gehoben werden. Alle Optionen so effizient wie möglich zu nutzen, muss Priorität klimapolitischen Handelns sein. Dabei sollten auch der bestehende Rechtsrahmen sowie laufende Gesetzesvorhaben überprüft werden, ob sie dem Klimaschutz bestmöglich dienen.

Klimapolitischer Irrflug erhöht Treibhausgasemissionen

Als Teil des „Fit for 55“-Paketes hat die Europäische Kommission einen Verordnungsvorschlag im Rahmen der ReFuelEU Aviation-Initiative vorgelegt. Dieser würde den Luftverkehr tatsächlich klimafreundlicher machen. Aber gleichzeitig könnte der Verordnungsvorschlag den Klimabeitrag des gesamten Verkehrssektors spürbar mindern. Wie ist das möglich? Die Begründung liegt in der Verfügbarkeit der Ausgangsstoffe zur Produktion regenerativer Flugkraftstoffe. Die Verordnung schlägt ein Verwendungsmandat für solche Flugkraftstoffe ab 2025 vor. In den ersten Jahren würde dieses Mandat ausschließlich mit regenerativen Flugkraftstoffen aus Abfallölen erfüllt werden. Abfallöle, wie Altspeiseöle, sind aber nicht unbegrenzt verfügbar. Technologien zur Produktion regenerativer Flugkraftstoffe, die andere Ausgangsstoffe als Abfallöle einsetzen, sind noch nicht marktreif oder können nur geringe Mengen Kraftstoff in das Mandat liefern. Ab 2025 würde die verpflichtende Verwendung regenerativer Flugkraftstoffe dazu führen, dass etwa die Hälfte (1,5 Millionen Tonnen) der Abfallöle, die heute in der Europäischen Union zu Biodiesel für den Straßen- und Schiffsverkehr verarbeitet werden, in die Produktion regenerativer Flugkraftstoffe umgeleitet würde. Mit negativen Folgen für das Klima. Die Produktion von Flugkraftstoffen aus Abfallölen ist energieintensiver und weniger effizient als die Produktion von Biodiesel, der nicht als Flugkraftstoff eingesetzt werden kann. Würden 1,5 Millionen Tonnen Abfallöle in die Produktion von Flugkraftstoffen umgeleitet, würden die CO2-Emissionen des gesamten Verkehrssektors im Jahr 2025 um etwa 1 Million Tonnen steigen. Deshalb muss die Europäische Kommission nachsteuern. Die Verwendung von Abfallölen zur Produktion regenerativer Flugkraftstoffe innerhalb des Mandates muss wirksam begrenzt werden.

Besser B10 für Diesel-Fahrzeuge

Verantwortungsvolle Klimapolitik muss weiterhin bezahlbare Mobilität ermöglichen. Bezahlbare Mobilität sichert soziale Teilhabe. Diese wiederum ist wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Auch im Straßenverkehr sollten alle verfügbaren Ausgangsstoffe zur Produktion regenerativer Kraftstoffe so effizient wie möglich eingesetzt werden. Für pflanzliche und abfallbasierte Öle ist das die Biodieselproduktion. Für Dieselfahrende ist Biodiesel somit die vergleichsweise wirtschaftlichere regenerative Kraftstoffoption. Die Bundesregierung sollte daher umgehend grünes Licht geben, damit an öffentlichen Tankstellen auch Diesel mit einem Biodieselanteil von bis zu 10 Prozent (B10) angeboten werden darf. Dafür müsste in Deutschland die 10. BImSchV geändert werden. Zahlreiche Pkw und Lkw, die mit B10 betankt werden dürfen, gibt es bereits.

Grüne Welle mit allen nachhaltigen Biokraftstoffen

Das Gesetzesvorhaben der Bundesregierung, die Nutzung von Biokraftstoffen aus Anbaubiomasse bis 2030 auf null herunterzufahren, überrascht. Verbrenner dominieren den deutschen Straßenverkehr. Daran wird sich auch nach 2030 wenig ändern. Abfall- und anbaubiomassebasierte Biokraftstoffe mindern die Treibhausgasemissionen dieser Verbrenner um mehr als zehn Millionen Tonnen pro Jahr. Für die gesamte Wertschöpfungskette zur Produktion dieser Kraftstoffe gelten strenge Nachhaltigkeitsvorschriften. Warum soll auf regenerative Klimaschutzoptionen aus heimischer Produktion verzichtet werden, wenn gleichzeitig Alternativen fehlen, die eine verlorene Treibhausgasminderung kompensieren können. Für jeden Liter Biokraftstoff, der weniger getankt wird, wird ein Liter fossiler Kraftstoff mehr verbraucht. Das kann nicht das Ziel von Klimapolitik sein. Alle nachhaltig zertifizierten Biokraftstoffe sollten auch über 2030 hinaus eingesetzt werden dürfen. Zudem sollte die Obergrenze für die Anrechenbarkeit von abfallbasierten Biokraftstoffen auf die Treibhausgasminderungs-Quote entfallen. Abfallbasierter Biodiesel mindert die Treibhausgasemissionen um mehr als 90 Prozent. Die Verwendung dieses nahezu klimaneutralen Biokraftstoffes darf im Straßen- und Schiffsverkehr nicht begrenzt werden.

Jeder Tropfen zählt

Altspeiseöle sind der wichtigste Ausgangsstoff für die Produktion von abfallbasiertem Biodiesel. Seit vielen Jahren werden Altspeiseöle bundesweit aus der Gastronomie und Lebensmittelindustrie gesammelt. Aber noch nicht aus Haushalten. Dort könnten pro Jahr zusätzlich über 100.000 t Altspeiseöl gesammelt werden; Altspeiseöl, das von Haushalten meist über den Ausguss in die Kanalisation entsorgt wird und dort zur Entstehung sogenannter Fettberge beiträgt. Belgien, Österreich oder die Niederlande verfügen bereits über eine Altspeiseöl-Sammlung aus Haushalten. In Deutschland steckt eine solche Sammlung in den Kinderschuhen. Aber überall dort, wo sie eingeführt wurde, wie in Erlangen, Fürth oder im Landkreis Roth, beteiligen sich die Haushalte mit großem Erfolg. Entscheidender Faktor für den Sammelerfolg ist das genutzte Sammelsystem „Jeder Tropfen zählt“. Vor dem Sammelstart in der Region erhalten alle Haushalte eine kostenlose 1,2 l-Sammelflasche. An großen grünen Automaten, die an stark frequentierten Orten wie Supermärkten stehen, können die Haushalte ihre volle Sammelflasche rund um die Uhr gegen eine leere tauschen. In Spanien wird die Sammlung gebrauchter Speiseöle aus Haushalten ab 2025 gesetzlich vorgeschrieben. Auch in Deutschland wäre dies ein überlegenswerter Schritt.

Europäische Union und Bundesregierung haben es in der Hand. Laufende Gesetzgebungsverfahren müssen auf den Prüfstand gestellt werden. Der bestehende Rechtsrahmen sollte optimiert und ergänzt werden. Dann könnte der Verkehrssektor zeitnah einen größeren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Autor: Detlef Evers

Biokraftstoffe in der Schifffahrt

<strong>Abfallbasierte Biokraftstoffe.</strong>

Abfallbasierte Biokraftstoffe.

„Von zentraler Bedeutung“ für den Klimaschutz im Seeverkehr

Auch der Seeverkehr muss zukünftig einen deutlich höheren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Es gilt, heute verwendete fossile Kraftstoffe, nicht nur so schnell und umfänglich wie möglich durch erneuerbare Kraftstoffe zu ersetzen sondern auch so effizient und wirtschaftlich wie möglich.

Wie der Schwerlastverkehr auf der Straße wird auch der Schiffsverkehr in Zukunft weitestgehend auf die Nutzung flüssiger Kraftstoffe angewiesen sein.

Abfallbasierte Biokraftstoffe zählen zu diesen erneuerbaren, flüssigen Kraftstoffen. Wichtige Rohstoffe für die Produktion dieser besonders nachhaltigen Kraftstoffe sind biogene „Abfallöle“, in erster Linie gebrauchte Speiseöle und tierische Fette. Diese werden im Teil B des Anhangs IX der Richtlinie (EU) 2018/2001 aufgelistet. Dabei darf nicht vergessen werden: Diese „Abfallöle“ sind nur begrenzt verfügbar. Deshalb sollten sie ausschließlich dort eingesetzt werden, wo sie effizient für den Verkehrssektor insgesamt den höchsten Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Die Studie „Conversion efficiencies of fuel pathways for Used Cooking Oil” hat untersucht, für welche Verkehrssektoren gebrauchte Speiseöle für Klimaschutz und Verbraucher am effizientesten zu Biokraftstoff verarbeitet werden. Mit eindeutigem Ergebnis: für den Straßenverkehr und Schiffsverkehr, zu Biodiesel verarbeitet. Dieses Ergebnis kann auf tierische Fette und andere biogene Abfallöle des Anhangs IX Teil A der Richtlinie (EU) 2018/2001 übertragen werden. 

Es gibt zwei weitere wichtige Argumente für den Einsatz nachhaltiger Schiffskraftstoffe aus gebrauchten Speiseölen und tierischen Fetten. Im Verordnungsvorschlag der Europäischen Kommission im Rahmen der FuelEU Maritime-Initiative heißt es: „Von zentraler Bedeutung sind insbesondere die nachhaltigen Schiffskraftstoffe, die aus den in Anhang IX Teil B der Richtlinie (EU) 2018/2001 aufgeführten Rohstoffen hergestellt werden, da die ihnen zugrunde liegende Technologie derzeit die kommerziell ausgereifteste ist und mit ihnen der Seeverkehr bereits auf kurze Sicht dekarbonisiert werden kann.“

Hinzu kommt: Es gibt mittlerweile eine Vielzahl praktischer Erfahrungen mit dem Einsatz nachhaltiger Schiffskraftstoffe aus den in Anhang IX Teil B aufgeführten Rohstoffen. Nahezu wöchentlich berichten Reedereien über ihre positiven Erfahrungen mit dem Einsatz abfallbasierter Biokraftstoffe in unterschiedlichsten Schiffstypen.

Eine Vielzahl der dort eingesetzten Motoren ist bereits für die Betankung mit Biodiesel freigegeben. Um welche Motoren es sich dabei handelt, zeigt die Liste „Freigaben in der Binnenschifffahrt für den Betrieb mit Biodiesel (B7 | B20 | B30 | B100)“.

Kraftstoffe für einen klimafreundlichen Straßenverkehr

Was machen wir?

Was machen wir?

Kraftstoffe für einen klimafreundlichen Straßenverkehr

Klimaziele erreichen. Mobilität erhalten.

Um unsere ambitionierten Klimaziele zu erreichen, muss der Verkehrssektor seine Treibhausgasemissionen schnell und spürbar mindern. Dafür sind auch Maßnahmen erforderlich, die direkt im Fahrzeugbestand genutzt werden können.

Die Verwendung von abfallbasiertem Biodiesel ist eine solche Maßnahme.

Abfallbasierter Biodiesel mindert die Treibhausgasemissionen um mehr als 90 Prozent und wird bereits heute fossilem Diesel bis zu 7 Prozent beigemischt. Unsere Mitglieder produzieren den besonders klimafreundlichen Biodiesel in Deutschland, Österreich oder den Niederlanden.

Erfreulich ist der kontinuierliche Anstieg beim Absatz von abfallbasiertem Biodiesel. Im Jahr 2018 z. B. lag er bei 1,1 Mio. Tonnen. Mit dem Effekt, dass im Verkehrssektor allein dadurch 3,6 Mio. t CO2-eq weniger Treibhausgase emittiert wurden. Zudem waren Abfall und Reststoffe die wichtigsten Ausgangsstoffe für die Produktion des in Deutschland in Verkehr gebrachten Biodiesels. Doch da ist reichlich Luft nach oben – auch mit Ihrer Unterstützung.