Höchste Zeit für B10. Ein Überblick.

Handlungsdruck. 

Die Bundesregierung wird voraussichtlich bereits ihr 2020-Ziel aus dem Bundes-Klimaschutzgesetz verfehlen, die THG-Emissionen des Verkehrs auf max. 150 Mio. t CO2-eq zu begrenzen. Eine vor der Covid-19-Krise erstellte Prognose erwartet THG-Emissionen von 166 Mio. t CO2-eq im Verkehrssektor in 2020. Sollte das 2020er-Ziel aufgrund der Covid-19-Krise doch erreicht werden, kann nahezu sicher davon ausgegangen werden, dass das für 2021 gesetzte Ziel (max. 145 Mio. t CO2-eq) verfehlt wird.

Was ist B10?   

Wird fossilem Diesel bis zu 10 Prozent Biodiesel beigemischt, spricht man von B10. Bereits seit 2009 wird jedem Liter fossilem Diesel bis zu 7 Prozent nachhaltiger Biodiesel (B7) beigemischt und an allen öffentlichen Tankstellen angeboten.

Warum B10?  

Klimaschutz. Die Einführung von B10 würde unmittelbar einen zusätzlichen Beitrag zum Klimaschutz im Straßenverkehr leisten. Basierend auf den tatsächlichen Einsparungen durch B7 in 2018, könnten die THG-Emissionen im Straßenverkehr bei flächendeckender B10-Einführung um rund 3 Mio. t CO2-eq gemindert werden. 

Effizienz. Die Erhöhung der Biodiesel-Beimischung stellt gegenüber anderen erneuerbaren Kraftstoffoptionen zur Diesel-Beimischung heute die effizienteste und für Verbraucher wirtschaftlichste dar.

Fahrzeugbestand. Will die Bundesregierung insbesondere ihre kurzfristigen Klimaziele aus dem Bundes-Klimaschutzgesetz erreichen, muss auch der Fahrzeugbestand (PKW und LKW) mit Dieselmotoren einen Beitrag dazu leisten. Antriebsalternativen wie die Elektromobilität werden nicht vor 2025 nennenswert zur THG-Minderung im Straßenverkehr beitragen können.

Regionale Wertschöpfung. Biodiesel wird meist mittelständisch und von Produktionsanlagen, die über ganz Deutschland verteilt sind, hergestellt. 

Werden höhere Biodiesel-Beimischungen bereits in anderen Ländern genutzt? 

B10 und höhere Beimischungen sowie B100, die Verwendung von reinem Biodiesel, werden bereits in Ländern wie Portugal (B15, nicht flächendeckend), USA (bis B20), Brasilien (B10 oder B12, flächendeckend) oder in Ländern Südostasiens (B10 und B20, meist flächendeckend) sowie Österreich, der Schweiz und Deutschland (B100, einzelne Fuhrparks) genutzt.

Welche Fahrzeuge dürfen B10 tanken?

Viele PKW sind bereits für den Betrieb mit B10, teilweise sogar bis zu B30, freigegeben; ebenso viele LKW, zum Teil auch mit B100-Freigaben. Eine Liste aller freigegebenen Fahrzeuge finden Sie unter dem folgenden Link.

Welche Norm gilt für B10?

Die B10-Norm führt die Bezeichnung DIN EN 16734 (Dieselkraftstoff (B10) – Anforderungen und Prüfverfahren).

Wo könnte B10 getankt werden?

Unser Ziel ist es, B10 flächendeckend in ganz Deutschland für alle Dieselfahrzeuge anzubieten. Voraussetzung dafür wäre die Freigabe aller Dieselmodelle durch die Fahrzeug-Hersteller. Alternativ könnte in einem ersten Schritt B10 als zusätzliche Tankoption an Tankstellen eingeführt werden.

Welche zusätzliche Menge Biodiesel würde benötigt?

Abhängig vom Dieselabsatz und bei flächendeckendem B10-Angebot würden zusätzlich etwa 1-1,2 Mio. t Biodiesel pro Jahr benötigt.

Könnte die zusätzliche Menge von heimischen Biodieselherstellern produziert werden?

Grundsätzlich wäre es möglich, den zusätzlichen Bedarf in Deutschland zu produzieren. Ausreichend Produktionskapazität stünde zur Verfügung. Sehr wohl würde Biodiesel aber auch aus anderen EU-Ländern importiert.

Welche Ausgangsstoffe würden für die Produktion der zusätzlich benötigten Menge Biodiesel genutzt?

Zusätzlich in Deutschland in Verkehr gebrachter Biodiesel würde in erster Linie aus Abfall, wie gebrauchten Speiseölen, Reststoffen und Rapsöl hergestellt

“Sinnvolle Sammlung von Altspeiseölen für mehr Klimaschutz im Straßenverkehr”

Unser Beitrag im ener|gate messenger vom 15.05.2020.

Berlin (energate) – Während die Emissionen in Deutschland 2019 gegenüber dem Vorjahr insgesamt gesunken sind, stiegen sie im Verkehrssektor leicht an. Detlef Evers vom Mittelstandsverband abfallbasierter Kraftstoffe hält zum Erreichen der Klimaziele schnell wirksame Maßnahmen wie einen stärken Einsatz von Biodiesel auf Basis von Reststoffen für notwendig.

Gastkommentar von Detlef Evers, Geschäftsführer des Mittelstandsverbands abfallbasierter Kraftstoffe e.V. (MVaK).

Der Verkehrssektor soll bereits in diesem Jahr seine Jahresemissionsmenge auf 150 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente mindern und dann linear bis 2030 auf 95 Mio. Tonnen. So will es das Klimaschutzgesetz. Schnell wirkende Maßnahmen sind erforderlich, will man nicht schon kurzfristige Ziele verfehlen.

Die Verwendung von mehr abfallbasiertem Biodiesel ist eine solche Maßnahme. Sie wirkt schnell, effizient und hat ihre Tauglichkeit bewiesen. Allein in 2018 wurden in Deutschland durch die Nutzung von abfallbasiertem Biodiesel 3,6 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente eingespart. Abfallbasierter Biodiesel zeichnet sich aus durch eine THG-Minderung von über 90 Prozent, wird fossilem Diesel bis zu 7 Prozent (B7) beigemischt und wird hauptsächlich aus gebrauchten Speiseölen hergestellt.

Altspeiseöle werden bereits in vielen Ländern aus Gaststätten, Restaurants und der Lebensmittelindustrie gesammelt. Und ihr vollständiges Potenzial ist längst nicht gehoben. In Deutschland wird gebrauchtes Speiseöl bisher nicht aus Haushalten gesammelt. Das Potenzial dort wird auf über 100.000 Tonnen pro Jahr geschätzt. Sammelbedarf besteht auch, weil viele Haushalte ihr Altspeiseöl über den Ausguss in die Kanalisation entsorgen. Dort kann es zur Entstehung sogenannter “Fatberge” beitragen. Wie eine erfolgreiche Sammlung von Altspeiseölen aus deutschen Haushalten umgesetzt werden könnte, haben die Lesch Altfettrecycling  und der MVaK im Rahmen des DBU-geförderten Projektes “Jeder Tropfen zählt” ermittelt; mit überwältigender Resonanz, sodass nun die Sammlung über die Testregionen hinaus ausgeweitet werden soll.

Weitere Potenziale vorhanden

Weitaus größeres Sammel-Potenzial gibt es in osteuropäischen EU-Staaten und Drittstaaten. In Staaten wie China, Indien oder Indonesien wächst die Mittelschicht und damit der Pro-Kopf-Verbrauch an Speiseölen. Die sammelbare Menge dort wird auf mehrere Millionen Tonnen geschätzt. Bestrebungen der Staatsregierungen, die zu häufige und damit gesundheitsgefährdende Nutzung von Speiseöl zu unterbinden, unterstützen den Aufbau einer Sammlung. Und durch die Produktion von Biodiesel wird das lebensmitteluntaugliche Öl dem Nahrungsmittelkreislauf zuverlässig entzogen. Zudem hat die chinesische Regierung den Verkauf und die Verwendung von sogenanntem “Gutter Oil”, einer Mischung aus frischem und übermäßig gebrauchtem Speiseöl, unter empfindliche Strafen gestellt. Deutschland darf sich deshalb Importen von Altspeiseöl nicht verschließen. Unsere Nachfrage nach gebrauchten Speiseölen hilft, eine sinnvolle Sammlung in Drittstaaten aufzubauen und noch vielmehr die Gesundheit der Menschen dort zu schützen.

Es gibt also noch Potenzial, die Absatzmenge von abfallbasiertem Biodiesel in Deutschland zu steigern. Und es gibt zusätzliche technische Optionen dafür. Das zeigen die Schweiz und Österreich, wo große Nutzfahrzeugflotten Biodiesel auch in reiner Form (B100) einsetzen, oder französische PKW-Hersteller, die Fahrzeuge für den B10-Betrieb freigegeben haben.

Chancen der RED II nutzen

Gleichwohl sind Abfälle und Reststoffe nur begrenzt verfügbar. Deshalb ist es geboten, gebrauchte Speiseöle nur dort zu verwenden, wo sie den größten Beitrag zum Klimaschutz leisten können: im Straßenverkehr als Biodiesel. Will die Bundesregierung ihre Klimaschutzziel für den Verkehrssektor bis 2030 erreichen, dann sollte sie bei der nationalen Umsetzung der RED II auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen, die größtmögliche Menge von nachhaltigem abfallbasierten Biodiesel im Straßenverkehr zu nutzen.